Theater der Nachhaltigkeit

Wenn wir davon sprechen, dass Medien unseren Lebensalltag prägen und die Möglichkeiten moderner Medienkommunikation für eine Bildung für nachhaltige Entwicklung zu nutzen sei, dann denken wir nicht so schnell an das Theater. Nichtsdestoweniger ist das Theater – obwohl wiederholt für tot erklärt – ebenso dazu geeignet, eine nachhaltige Entwicklung zu begleiten, wie elektronische Medien.

Gemeint ist Theater im weitesten Sinne. Dazu gehören etwa auch die Produktionen und Aktionen der Künstlergruppe Rimini-Protokoll. In Welt-Klimakonferenz, uraufgeführt am 21.11.2014 im Hamburger Schauspielhaus (Foto © Fotografieklasse der Kunstschule Wandsbek und Benno Tobler) wurde die Weltklimakonferenz in Paris (COP 21) simuliert, die etwa ein Jahr später, vom 30. November bis 11. Dezember 2015 stattfand. Die Zuschauer wurden zu Delegierten, trafen sich zum Plenum oder in Gruppen, geführt von Experten u.a. der Klimaforschung. Zu der Produktion, die in Zusammenarbeit mit Germanwatch, dem Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung u.a. stattfand und von klimaretter.info unterstützt wurde, schrieb das Hamburger Abendblatt:

„Mit einer logistischen Meisterleistung hat das Theaterkollektiv Rimini Protokoll am Schauspielhaus eine weltbewegend wichtige Materie sinnlich, leicht fassbar und geradezu unterhaltsam vermittelt. Diese Uraufführung war nicht nur eine organisatorische, sondern auch didaktisch anspruchsvolle ‚Lernveranstaltung‘ mit echten, hochkarätigen Wissenschaftlern.“

Auch das ist Theater, dokumentarisches und partizipatives Theater, informelles Lernen inklusive.

Was hat sich 2017 auf Berliner Bühnen getan? Der folgende Einblick ist gezwungenermaßen sehr selektiv, weil ich mir nicht alle relevanten Theaterproduktionen ansehen kann. Der Fokus liegt auf der aktuellen Spielzeit 2017/18.

 

Das Maxim Gorki Theater setzt das Konzept eines postmigrantischen Theaters fort, Erzählungen einer Gesellschaft im Übergang, die mit der Intendanz von Shermin Langhoff in der Spielzeit 2013/14 begonnen hat, als sie vom Ballhaus Ost, das sie 2008 gegründet hatte, zum Gorki wechselte. Von der Situation von Roma in Europa erzählt „Roma Armee“ (Foto © Ute Langkafel), geschrieben von Sandra und Simonida Selimović, die einen Roma-Hintergrund haben und in der Regie der in Jerusalem geborenen Yael Ronen. Zwei Tage nach der Uraufführung am 14. September hielt die Anthropologin und Roma-Aktivistin Anna Mirga-Kruszelnicka am Maxim Gorki Theater eine Rede. Was sie über Erzählungen zu sagen hatte, lässt sich ohne weiteres auf die jüngsten Aktivitäten des PN Medien übertragen: „I believe in the power of narratives: discourses and stories which are the foundation of our understanding of the world, provide an interpretation for our lives, shape our values and our worldviews.“ „Roma Armee“ bewegt sich kühn zwischen Theater und Aktivismus. Stellenweise vielleicht etwas zu aggressiv, aber in seiner Überzeugungskraft, seiner Unmissverständlichkeit, seinem Reflexionsniveau und dem Willen zum Empowerment vorbildlich für künstlerisch ambitionierte Umweltaktivisten.

Eine direktere Kommunikation mit den Bürgern Berlins sucht das Maxim Gorki Theater im Gorki Forum. Es ist ein für alle Interessierten offener Diskursraum: „Mitgestalten, Einmischen, Gegenerzählungen hörbar machen: Nicht nur in diesen Zeiten, die als krisenhaft gelten weil sie im ständigen Wandel sind, sondern auch außerhalb von diesen brauchen wir Schutzräume der Reflexion und der Aufmerksamkeit“.  Dazu zählt etwa die Matinée-Reihe Berliner Korrespondenzen, die das Gorki zusammen mit der Humboldt-Uni veranstaltet. Solche Schutzräume der Reflexion lassen sich auch als informelle Lernorte begreifen.


Das Berliner Ensemble hat seit der Spielzeit 2017/18 mit Oliver Reese einen neuen Intendanden. Der hat von seiner vorherigen Wirkungsstätte, dem Schauspiel Frankfurt/Main, seine Inszenierung des mit dem Pullitzer-Preis ausgezeichneten Stücks „August Osage County“ von Tracy Letts, unter dem Titel „Die Familie“ mitgebracht. Stück und Autor stehen in einer Tradition mit Dramatikern wie Tennessee Williams. Das ist sehr amerikanisch und Reeese belässt es auch dabei. Interessant wäre die Frage, wie die Zeit zwischen Erscheinen des Stücks, als George W. Bush Präsident war, und dem Erscheinen von Reeses Inszenierung, als Donald Trump Präsident wurde, in die Inszenierung eingeflossen ist.

Eine originelle und unterhaltsame, aber nicht ganz gelungene Auseinandersetzung mit Europa findet sich in Die Entführung Europas oder der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft (Foto © Julian Röder). Basierend auf dem Kriminalhörspiel „Der Tod ist kein Geschäft“, das der Dramatiker Heiner Müller unter dem Pseudonym Max Messer in den 1960ern geschrieben hat, erzählt das Stück von dem schreibenden Detektiv Max Messer auf der Suche nach dem verschwundenen Europa. Das hört sich nicht nur an wie eine Detektivgeschichte, es ist auch eine, angelegt im Stil des Hardboiled Genres (bekannte Autoren sind Raymond Chandler, Dashiell Hammett und James M. Cain) oder der filmischen Variante, des Film Noir. So wie Humphrey Bogart als Philip Marlowe (etwa in „The Big Sleep“/“Der große Schlaf“) einen neuen Fall bearbeiten und sich fortan mit einer geheimnisvollen, ebenso ambivalenten wie schönen Frau, einer femme fatale, auseinandersetzen muss, so bekommt es auch hier Christian Kuchenbuch als Max Messer auf der Suche nach der verschwundenen Europa mit einer lasziv auftretenden Frau zu tun, die aber zunächst als Grace (Stephanie Eidt) in seiner Detektei erscheint, als seine Frau, die sich vor Jahren das Leben genommen hat. Es wird sich zeigen, dass sie Europa täuschend ähnlich sieht und Europa nicht entführt wurde, sondern im Kongo ihr kolonialistisches Unwesen treibt. Die Idee und die Inszenierung zeigen, welche Möglichkeiten sich bieten, wenn in einem populären Genre erzählt wird. Es wird aber deutlich, welche Chancen verpasst werden können. Denn der Regisseur Alexander Eisenach, der mit dieser Inszenierung am BE debütierte, will zu viel, verliert den Plot aus dem Blick, weil er den Weg des intellektuellen Thesentheaters wählt. Es gibt wunderbar komische Szenen in wunderbar abstrakten Räumen (Bühne Daniel Wollenzin), so etwa ein Streit über Ernährung und darüber, dass ein Coc au vin mit veganem Gedankengut niemals erfunden worden wäre. Allzu oft sprechen die Darsteller aber theoretisierende Texte, die man ebenso gut auch in den Büchern lesen kann, auf die angespielt wird. Da bietet sich mehr Zeit, sich mit den Texten auseinanderzusetzen, als hier, auf dem Theater, wo man von den Textfetzen eher erschlagen wird.

Das Berliner Ensemble bemüht sich auch, das Theater partizipativer und zu einem Ort des Austauschs zu machen. Diese Idee findet sich in der Reihe Berlin 3000, wo es um den Raum des Theaters und den Raum der Stadt sowie um das „Wechselverhältnis von Mensch und Raum“ geht. Am Abend Berlin schrumpft am 14.11.16 sprachen der Architekt Martin Rein-Cano, der sogenannte Placemaker Daniel Bormann und der Dramaturg Bernd Stegemann, kuratiert von den Dramaturginnen Valerie Göring und Sabrina Zwach und dem Architekten Markus Penell. Wer nicht weiß, was ein Placemaker ist, hier ein Zitat der Webseite des Unternehmens Realace von Daniel Bormann. Interessant an diesem Abend, weil nicht inszeniert, war zunächst die Intervention des Intendanten Oliver Reese, dass die Gesprächsrunde doch Mikrofone benutzen sollten, sie seien nicht zu verstehen, womit er ganz zweifellos recht hatte. Hellhörig wurde ich, als es um Storytelling ging und darum, dass ein Gebäude Geschichten erzählen muss, dann sei es gelungen. Diskutiert wurde auch über das Verhältnis von Storytelling und Fiktion. Dies war bereits in den Ort der Veranstaltung eingeschrieben, weil sie im Salon stattfand, der erst seit kurzem wieder den Blick auf den 1963 mit diesen Namen versehenen Bertolt Brecht-Platz frei gibt, der wiederum eine neue Gestaltung erfahren soll. Neue Erzählungen braucht es, die dem Kapitalozän(!) etwas entgegensetzen können. Hier ließe sich ergänzen, dass solche Gegenerzählungen Erzählungen des Anthropozän sein könnten.


Die Schaubühne am Lehniner Platz hat mit dem Schweizer Regisseur Milo Rau wohl einen der interessantesten Theatermacher weltweit. 2017 wurde er von der Deutschen Bühne zum Schauspielregisseur des Jahres gekürt.  Auch er überschreitet die gängige Vorstellung von Theater, indem er die Bühne oft dokumentarisch und politisch macht. Wenn es einen Meister der neuen (ästhetischen) Formate gibt (danach suchen wir ja mitunter in der Nachhaltigkeitskommunikation), dann ist das Milo Rau. In General Assembly (unterstützt unter u.a. vom European Center for Constitutional and Human Rights – ECCHR und Brot für die Welt) und in Kooperation mit einer ganzen Reihe von Organisationen (interessant: auch mit FUTURZWEI) versammelte er 60 Menschen (Politiker, Aktivisten, Künstler etc.) aus der ganzen Welt als Abgeordnete des, wie er es einführend selbst formulierte „Weltparlaments der Menschheitsgeschichte“, das ein Wochenende lang vom 3. bis 5. November 2017 im Theater tagte. Die Veranstaltung gipfelte in einem „Sturm“ auf den Berliner Reichstag (Foto © Patrick Meyer-Clement) – hundert Jahre nach dem Sturm auf den Petersburger Winterpalast, der im November 1917 die russische Revolution einleitete.

Theater, das an den Grenzen des Ästhetischen rührt, um etwa explizit politisch oder aktivistisch zu werden, und sich dabei nicht um konventionelle Theatertexte kümmert, wird postdramatisches Theater genannt. In Berlin ist es präsent. Es beschäftigt sich mit der Zukunft Europas, mit demokratischer Teilhabe, mit Migration und Gleichstellung. Gelungen ist es nicht immer. Aber es traut sich etwas. Und es schafft Voraussetzungen für eine große Transformation. Es tut sich also etwas auf Berliner Bühnen. Ich werde weiter die Augen offen halten.

Thomas Klein

(Wer gerne von anderen Theatern und deren Inszenierungen und Veranstaltungen berichten, erzählen möchte, die für BNE interessant sind, bitte den Text an TKlein@kmgne.de senden.)

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