WBGU-Gesprächsrunde über Digitalisierung und Nachhaltigkeit

Am 20. Juni 2018 fand im Berliner Umweltforum eine vom WBGU initiierte Gesprächsrunde zum Thema „Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Welche Zukunft wollen wir gestalten?“ statt. Der Veranstaltung ging ein Impulspapier des WBGU zur Digitalisierung voraus und ist eine Etappe auf dem Weg zu einem neuen Hauptgutachten zum Thema, das Anfang 2019 veröffentlicht werden soll.

Die Gesprächsrunde begann mit einleitenden Worten der Vorsitzenden der WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) Sabine Schlacke und Dirk Messner. Die folgende Gesprächsrunde wurde von Maja Göpel (WBGU-Generalsekretärin) moderiert. Zu Gast waren Markus Beckedahl (Chefredakteur netzpolitik.org, Berlin), Joana Breidenbach (Sozialunternehmerin und Autorin, Berlin), Christian Kulick (Mitglied der Geschäftsleitung Wirtschaft & Technologien, Bitkom e.V.), Dirk Messner und Judith Simon (Lehrstuhl für Ethik in der Informationstechnologie an der Universität Hamburg).

Frau Schlacke leitete ihre Worte ein durch eine Märchenstunde über das Verschwinden der Bienen und wie in der Rückschau der technische Ersatz der Honigsammler gegenüber dem Erhalt der Arten dominierte. Sie stellte die Arbeit des WBGU dar, welcher keine eigenen empirischen Studien durchführe, sondern diese vielmehr auswerte. Im neuen Hauptgutachten soll es um die Fragen gehen „Wer gestaltet die Transformationen Nachhaltigkeit und Digitalisierung?“ und „Wie?“. Der Staat sei derzeit mit der Digitalisierung überfordert, nicht nur mit der Geschwindigkeit und Komplexität, sondern auch dem Sprengen von Grenzen. Dementsprechend wird hier keine Gestaltungsleistung übernommen. Aus ihrer Sicht ist andererseits eine „Nachhaltigkeit“ nicht ohne Digitalisierung zu erreichen.

Quelle: WBGU

Dirk Messner fing mit der Notwendigkeit an, das Nachhaltigkeitsparadigma anders erzählen zu müssen. Es sei erstens klar, dass derzeit zwei noch nicht vernetzte Transformationen stattfänden: die der Nachhaltigkeit und die der Digitalisierung. Nur seien sowohl die „Communities“ (wer diese Communities sind, blieb offen) noch nicht vernetzt. Zweitens komme Digitalisierung in den Nachhaltigkeitszielen (SDGs) außer im Rahmen von Breitbandausbau nicht vor. Dabei könne doch, womit er der Vorrednerin zustimmte, Digitalisierung für Nachhaltigkeit nutzbar gemacht werden. Drittens sei Digitalisierung ein Trigger, also verstärke vorhandene Probleme, welche durch die Nachhaltigkeit bewältigt werden sollen: Ungleichheit, politische und ökonomische Konzentrationsprozesse, Sicherheitsbestrebungen die Freiheitsrechten entgegen stehen, sowie die Abnahme der Regierungsfähigkeit dieser komplexen und sich beschleunigenden Welt und damit Bedrohung der Demokratie. Beide Transformationen haben viertens eine langfristige Auswirkung auf alle gesellschaftlichen Bereiche.

Aus den Vorträgen konnten folgende Fragen abgeleitet werden:

  • Wie können wir die Technik unter Kontrolle halten und nach unseren Normen gestalten?
  • Wie wollen wir zusammen mit der „technischen Zivilisation“ leben? Technische Zivilisation meint hier (semi-) autonome Prozesse und Weiterentwicklung der Technik.
  • Wie kann „human enhancement“, die Erweiterung der Fähigkeiten des Menschen durch Technik, für eine dauerhafte Existenz auf dem Planeten eingesetzt werden? Wie kann das Anthropozän durch Technik aktiv gestaltet werden?

Diskussion

In der Diskussion war das erste große Thema Entmaterialisierung durch Digitalisierung. Hier kamen auch in der Online-Frage-Plattform der Veranstaltung, die aber in der Diskussion nicht wie vom Publikum erwartet einbezogen wurde, zahlreiche Gegenstimmen. Die Digitalisierung führe durch die Reichweitenerweiterung und die stets vorhandenen unendlichen Möglichkeiten möglicherweise zu einem rückgehenden Ressourcenverbrauch, allerdings steige dadurch im Gegenzug der Energieverbrauch um ein Vielfaches. Es könnte aus meiner Perspektive lohnenswert sein, das Thema Energiewende, das vom KMGNE im Rahmen des Kopernikus-Projektes ENavi mitbearbeitet wird, als Schnittpunkt zwischen den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit einzusetzen.

Quelle: WBGU

Der Vertreter von netzpolitik.org setzte immer wieder sehr persönliche Akzente zum Thema Datenschutz und Überwachung: Als Kind habe er sich gewünscht einen Computer ohne Tastatur bedienen zu können und jetzt, da er endlich mit den Geräten sprechen könne, will er es nicht mehr, weil er nicht wisse, wer noch mithört. Dies führte den Diskurs auf das Thema Smart City. Am Ende sei es nicht garantierbar, dass man in 10 Jahren noch in einem Rechtsstaat lebe und vorhandene Technische (Überwachungs-) Instrumente könnten auch negativ genutzt werden. Diskutiert wurde über einen „Erdogan-TÜV“ bei der Verwendung von Big Data.

Am Ende liefe es auf die Punkte hinaus, die im Nachhaltigkeitskontext immer wieder aufgeworfen werden: Gutes Leben und die Würde des Menschen. Die kulturelle Frage sei viel wichtiger als die technischen Instrumente, welche zur Erreichung einer Zielvision angewendet würden. Dirk Messner meinte, es müssten Zukünfte gesellschaftlich verankert werden, welche eine Lebenswelt repräsentieren die „wir haben wollen“, als eine Art Kompass. Zwischenstimme aus dem Publikum: Ist das Ziel (Nachhaltigkeit) nicht schon klar und sei Digitalisierung nicht der Weg dahin? Weiterhin wurde auch das Thema Suffizienz als Teil eines „Guten Lebens“ besprochen und wie das mit der Reichweitenverlängerung durch die Digitalisierung zusammengehen könne.

Die Diskussion trieb einige Blüten, z.B. als es um die soziale Nachhaltigkeit von Flugtaxis zwischen München und dem Flughafen ging oder die Sinnhaftigkeit von vertikalen Farmen mit all ihrer Sensorik. Schade war, dass Vertreter*innen aus der Politik nicht vor Ort waren, die z.B. zum Fehlen der digitalen Demokratieförderung und freien digitalen Zugang zu Wissen und Kultur in der Digitalisierungsstrategie der BRD hätte Stellung nehmen können. Auch gab es keine Lehrer*innen, welche über die Problematik reden konnten, das Curriculum um stets neue Themen wie Digitalisierung und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) erweitern zu wollen ohne zu berücksichtigen, dass an anderer Stelle bestehender Unterrichtsstoff dann wegfiele. Welches Wissen braucht man in dieser Welt, die da kommt?

Fazit

Ob Technik zur Überwindung der Entfremdung zwischen Mensch und Natur beitragen kann, ist fraglich. Die stets gepriesene Entkopplung und De-Materialisierung vernachlässigen den wahren Ressourcen- und Energieverbrauch. Die Digitalisierung-Vertreter vertreten zum Teil die Meinung, wenn erst einmal alle Energie regenerativ sei, sei es egal wie viel man davon verbrauche. Die Nachhaltigkeits-Vertreter ziehen sich ins digitale Detox zurück und leben ihre Mini-Utopien die nicht mehrheitsfähig sind. Dabei bräuchte es gemeinsame Aushandlungsräume, für die Experten, die Gesellschaft, die Politiker und die Wirtschaft. Kann der Re-Regionalisierungsgedanke der Nachhaltigkeit durch Digitalisierung befördert werden?

Anne Kraft

 

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1 Kommentar

  1. Friedrich

    Ein informativer, gut geschriebener Bericht! Doch es hat den Anschein, dass die Podiumsrunde bei der Beurteilung und erst recht bei einer möglichen Gestaltung der Beziehung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung ziemlich rumrätselte bzw. alle eher ihre jeweiligen Denk- und Interessenrichtungen ins Spiel brachten.
    Siehst du Themen oder Fragen, mit denen sich das Partnernetzwerk Medien in diesem Zusammenhang befassen sollte?

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