Ernährungswende in Berlin: machen statt reden!

Unser heutiges Nahrungssystem ist bizarr und voller Widersprüche. Ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel landet im Müll, während etwa elf Prozent der Menschheit hungert.

Wenn wir in Europa einkaufen gehen, dann finden wir viele Angebote, verpackt in viel Plastik. Was aber wirklich darin ist, sehen wir den Lebensmitteln kaum an. Und schon gar nicht mit einem flüchtigen Blick, während wir unter Stress rasant einkaufen und vielleicht nur noch eine Fertiggericht erhitzen wollen.

Welches Gemüse Rückstände von Pestiziden im Körper hinterlassen würde und welches die Böden schont, ist am Bio-Siegel ganz gut erkennbar. Wenn wir aber auch wissen wollen, wie viel Wasser für das Wachstum nötig war, und ob dies vor Ort problematisch ist – dazu sind schon einige Hintergrund-Informationen erforderlich. Ein Kilo Tomaten aus den Niederlanden beispielsweise trinkt etwa sieben Liter unbedenkliches Regenwasser. Das Kilo aus dem spanischen Andalusien hingegen verbraucht über den Regen hinaus 23 Liter Brunnenwasser – ausgerechnet dort, wo der Grundwasserspiegel sinkt.

Auch das CO2, welches für ein Kilo Tomaten entfesselt worden ist, zeigt die Gemüsewaage nicht an. Bei einer spanischen Freilandtomate müsste sie 600 Gramm CO2 anzeigen. Beim Tomaten-Kilo aus einem hiesigen beheizten Gewächshaus im Winter würde die Waage schon unter 9,3 Kilogramm CO2 ächzen, während die vom eigenen sommerlichen Balkon nur 35 Gramm CO2 pro Kilogramm Tomaten auf die Waage bringen würden.

Das Umweltbundesamt hat ausgerechnet, dass im deutschen Durchschnitt 15 Prozent des CO2 auf die Ernährung entfallen. Gegenüber konventioneller Nahrung lässt sich ein wenig durch Bio-Lebensmittel und viel durch Fleischverzicht einsparen. Wer dann noch auf saisonales Obst und Gemüse aus der Region setzt, der hat den Gipfel der Nachhaltigkeit erklommen. Davon sind wir jedoch weit entfernt.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen immer billigeren Lebensmitteln und dem Sterben kleiner Landwirtschaftsbetriebe. Dass eine Vielzahl der Marken im Supermarkt aus den Produktionsstätten ganz weniger Konzerne kommen, wissen wenige. Das Vertrauen in die intransparente Lebensmittelindustrie sinkt mit jedem Lebensmittelskandal. Bei regionalen Lebensmitteln hingegen können wir nicht nur die Menschen kennenlernen, die sie herstellen, sondern auch regionale Wirtschaftskreisläufe schließen.

Vor der eigenen Tür

Irgendwie muss es doch möglich sein, dass wir eine für uns und unsere Umwelt gesunde Ernährung leichter erreichen können. Diese Intention treibt viele Berlinerinnen und Berliner schon länger um.

Agnes Duda fand es schon immer viel zu schade, “wenn man in Gärten sieht, dass zu viel Obst auf dem Boden liegt und vergammelt.“ Deshalb fühlte sie sich von einem Workshop des Bezirksamtes Spandau angesprochen, in dem es um Klimaschutz und regionalere Lebensmittel ging. Zu vor hatte der Bezirk im Jahr 2015 eine Vorstudie zur Entwicklung eines LebensMittelPunkts Spandau in Auftrag gegeben. Für diese wurden bereits Landwirt*innen, Standbetreiber*innen vom Land- und Bauernmarkt und Aktive aus der solidarischen Landwirtschaft befragt. “Uns war es wichtig zu wissen, wie wir sie bei der Vermarktung ihrer regionalen Produkte unterstützen können“, schilderte Dr. Cornelia Niemeitz, die seit 2013 die Spandauer Klimawerkstatt leitet, das Anliegen des Bezirks. “Alle, die damals zu dem Auftakttreffen gekommen waren, hatten andere Motivationen. Ich wollte der Lebensmittelverschwendung engegentreten”, so Duda, “weitere wollten das Klima schützen, weiteren ging es um die Gesundheit oder um Umweltbildung.”

Die Lebensmittelwirtschaft besteht aus ökonomisch und strategisch bedeutsamen Industrien und wird zu großen Teilen durch EU-Entscheidungen geprägt, die dann durch ihre Mitgliedsstaaten umgesetzt werden. Wie sollen da kleine, engagierte Gruppen wie die aus Spandau etwas bewirken? Sind denn diese nicht auch nur Spielball internationaler Märkte?

Dass die Zivilgesellschaft Einfluss nehmen kann, davon ist der Berliner Ernährungsrat fest überzeugt und dafür hat er sich im Jahr 2016 gegründet. Erwachsen ist er bereits vier Jahre früher aus einer Initiative von Slow Food Berlin – die nachhaltigen Genießer*innen. Er ist ein rein zivilgesellschaftliches Gremium – ohne Beteiligung des Landes Berlin. Der Zusammenschluss versteht sich als ein Bündnis, das zivilgesellschaftliche Positionen und Forderungen für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem öffentlich vertritt und ihnen zu politischer Geltung verhelfen will. Als der Berliner Senat – Bereich Verbraucherschutz – Anfang 2018 seinen Beteiligungsprozess zur Entwicklung einer Berliner Ernährungsstrategie startete, schlug die Stunde des Berliner Ernährungsrates. Ein umfangreiches Positionspapier mit zahlreichen strategischen Forderungen war das Ergebnis.

LebensMittelPunkte

Ein zentraler Bestandteil des Katalogs ist der Aufbau sogenannter LebensMittelPunkte. Orte, an denen das Leben im Mittelpunkt steht. Und Punkte, an denen es um Lebensmittel geht.

Der Aufbau der LebensMittelPunkte hat längst begonnen. Der erste entstand im Jahr 2015 in Spandau. Auch in den Berliner Stadtteilen Lichtenberg, Mitte, Tempelhof und Wedding sind Initiativen im Aufbau solcher Punkte engagiert. Dabei unterstützt werden sie durch den Berliner Ernährungsrat.

Was verbirgt sich hinter dem Namen? LebensMittelPunkte sind Orte in den Berliner Kiezen, in denen man nicht nur wirklich nachhaltige Nahrung findet, sondern auch viel über diese lernen, sie weiterverarbeiten und sich mit Berliner*innen aus dem eigenen Kiez austauschen kann. Sie sollen offen für alle sein – unabhängig von Einkommen, Bildung, Geschlecht, Hautfarbe oder kulturellem Hintergrund – das ist die Vision. Die im LebensMittelPunkt erhältlichen Lebensmittel kommen aus regionalen, kleinen Strukturen wie nachhaltige Landwirtschaft, urbane Gärten, den Verteilnetzen solidarischer Landwirtschaft oder aus Lebensmittel-Überschüssen, die sonst trotz bestehender Haltbarkeit und Unbedenklichkeit im Abfall landen würden.

Damit dies in die Breite wirken kann, sollen LebensMittelPunkte in allen Berliner Bezirken systematisch gefördert werden – so steht es in dem Entwurf der Ernährungsstrategie, die noch dieses Jahr noch in den Senat eingebracht werden soll. Auch sollen Bezirke bei der Suche von geeigneten Räumlichkeiten helfen oder solche zur Verfügung stellen. “Wichtig ist, dass es nicht nur LebensMittel-Pünktchen werden”, betont die Journalistin und Autorin Annette Jensen, die sich für einen LebensMittelPunkt in Tempelhof und im Berliner Ernährungsrat engagiert.

Erste Erfahrungen

Die Herausforderungen beginnen mit geeigneten Räumlichkeiten. Mit der Bürgerinitiative thf.vision würde Annette Jensen den alten Flughafen am liebsten zum Gemeingut machen, in welchem unter anderem ein LebensMittelPunkt enthalten sein soll. Allerdings gibt es auch andere Nutzungsideen, weshalb es nicht so aussieht, als würde der Airport in Kürze nachhaltigen Initiativen zur Verfügung stehen.

Einfacher scheint es im Stadtteil Wedding zu sein: Das dort gelegene “Baumhaus Berlin” ist bereits ein Nachhaltigkeitszentrum, in dem das “FoodKollektiv” aktiv ist. Den hier entstehenden LebensMittelPunkt will der Berliner Ernährungsrat intensiv begleiten und daraus eine Art Inkubator mit Workshops erarbeiten. Mitgetragen wird dies vom Berliner Ernährungsrat und thf.vision, die Praxispartner im EU-Forschungsprojekt FoodSHIFT2030 sind; hier sollen Erfahrungswerte aus neun europäischen Pionierstädten geteilt und ausgewertet werden.

“Entwickelt werden sollen Ansätze, wie sich die LebensMittelPunkte mittelfristig selbst tragen”, erklärt Christine Pohl, die den Ernährungsrat mitgegründet hat. “Dafür müssen wir geeignete Strukturen für den Betrieb und dessen demokratische Steuerung schaffen”, erklärt die Politologin. Daraus solle eine Art Leitfaden entstehen, wobei völlig klar sei, dass es für jeden Ort auch Unterschiede geben könne und müsse, damit es passe. “Natürlich brauchen die LebensMittelPunkte zu Beginn auch konkrete Fördermittel”, um diese Strukturen aufbauen zu können. Eine dauerhafte Tragfähigkeit bedeutet aber auch, dass das Engagement über das Ehrenamt hinaus vergütet werden kann.

Weitere Unterstützung erhalten die LebensMittelPunkte von Berlin 21 e.V.: “Wir vernetzen die unterschiedlichsten Akteur*innen aus allen Bereichen Nachhaltiger Entwicklung”, erklärt Madeleine Porr, die sich im Vorstand des Berliner Agenda 21-Vereins engagiert. “Insofern möchten wir hier Synergien befördern zwischen den Bereichen Ernährung und den anderen Aktiven in Kiezen und Bezirken, wie Quartiersmanagements, Stadtteilzentren, Initiativen für alternative Wirtschaftsweisen”, so Porr. “Denn die Ernährungswende ist ja Teil der gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesse für den Klimaschutz und eine nachhaltige Stadtentwicklung insgesamt.”.

Annette Jensen

Annette Jensen vom Berliner Ernährungsrat betont ein wesentliches Ziel: “Wir wollen Magnete für alle schaffen – auch für diejenigen, denen das Thema Ernährung heute noch nicht so wichtig ist. Unser Ernährungssystem muss künftig nicht nur klimaneutral sein, sondern auch gutes Essen für alle ermöglichen. Damit das gelingen kann, muss die Berliner Bevölkerung auf breiter Ebene mitwirken – und auch Lust auf die Veränderungen bekommen“, so Jensen. „Wir wollen ProduzentInnen und KosumentInnen zusammenbringen, damit sie gemeinsam nach Wegen suchen. Es geht darum, zusammen eine neue Alltagspraxis zu schaffen – da sind alle Perspektiven wichtig.”

Martina Steinemann, die sich im LebensMittelPunkt Lichtenberg engagiert, findet wichtig, “dass man in den LebensMittelPunkten gesunde Nahrungsmittel findet für Leute, die sich nicht leisten können, im Bioladen einzukaufen.” Dies könne über eine Tauschplattform und Überschüsse aus Kleingärten organisiert werden. Zu den Dingen, die man über das Kochen lernen kann, zählen nicht nur der Geschmack, sondern kluge Rezepte, wie man aus preiswerten ökologischen Zutaten und saisonalem Gemüse vielfältige, leckere Gerichte zubereiten kann. Wer den Genuss des gemeinsamen Kochens und Essens wieder für sich entdeckt, der verbringt möglicherweise auch seine Freizeit gerne im LebensMittelPunkt.

Agnes Duda, die den Aufbau des ersten Berliner LebensMittelPunktes in Spandau von Anfang an unterstützt hat, betont das Engagement Einzelner: “Das A und O sind engagierte Menschen, die zu den Treffen und unseren Veranstaltungen kommen und mit anpacken. Wir alle wünschen uns mehr Aktive, alle sind willkommen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten dabei mithelfen, dass weniger Lebensmittel verschwendet werden.” Allerdings räumt Duda auch ein, dass es manchmal in der Praxis schwer sei, Menschen zu einer nachhaltigen Veränderung ihres Lebensmittelkonsums zu erreichen. „Der Austausch von Rezepten aus vielfältigen Kulturen, könnte sicherlich ein erster Schritt dazu sein.“

Der LebensMittelPunkt Lichtenberg trifft sich bislang regelmäßig in Räumen des Stadtmuseums. Martina Steinemann freut sich über das selbstbestimmte, bunte Programm. “Marmelade einkochen, Bienenwachstücher herstellen und Vorträge über Ayurveda – das Programm bestimmen und gestalten wir selbst”, so die Gesundheitstrainerin Steinemann. “Wenn man anfängt, sich selbst gesund zu ernähren, dann kann man gar nicht anders, als sich zu fragen, wo die Lebensmittel herkommen”, erklärt die ‘Ayurveda-Aktivistin’, “Was uns noch ein bisschen fehlt, ist die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit.” Dafür würde sie sich über Unterstützung freuen.

Von etablierten LebensMittelPunkten hat der Berliner Ernährungsrat ein klares Bild: “Es soll ein fester Ort sein, der regelmäßig geöffnet und leicht zugänglich ist.”, so die Autorin Pohl. Denn so können alle Berliner*innen dezentral die zukunftsfähige Ernährungswende mitgestalten. “Wer beispielsweise Tomaten selbst anbaut und vielleicht sogar einen Teil der Ernte weitergibt, schöpft daraus mit Sicherheit mehr Motivation für den Wandel, als sich auf der Couch nur von den Negativmeldungen über die Schattenseiten unserer Ernährung entmutigen zu lassen,” so Madeleine Porr vom Netzwerk Berlin 21.

Ermutigend ist auch, dass heute bereits einige Möglichkeiten etabliert sind, mit denen man sich an regionalen nachhaltigen Wirtschaftskreisläufen beteiligen kann. So gibt es in Berlin bereits zahlreiche Initiativen und Abholstellen für Gemüse aus solidarischer Landwirtschaft. Solidarisch daran ist, dass man per Abo dem Anbaubetrieb das Überleben sicherstellt und dann eben genau das Gemüse erhält, das in der Saison geerntet werden kann. Diese Solidarität schützt die Betriebe vor Preisschwankungen und Umweltrisiken. Ebenfalls gibt es Gemüsekisten mit Bio-Lebensmitteln aus der Region. Dieses erhält man auch in den Berliner LPG-Biomärkten, bei denen man als Genossenschaftsmitglied Rabatte bekommt. Für mehr Bio im Umland kann man sorgen, indem man die Ökonauten eG oder die Regionalwert Berlin AG dabei unterstützt, mehr konventionelle Betriebe auf Bio umzustellen.

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