Forschungskonferenz zum #SustainableDigitalAge

Am 16.12.2019 richteten drei sehr unterschiedliche Einrichtungen, der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), das Weizenbaum Institut für die vernetzte Gesellschaft und das Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) die Forschungskonferenz „Zukunft gestalten: Digital und nachhaltig“ aus. Sie sollte „neue Impulse für eine zukunftsgerichtete Forschungspolitik identifizieren, in der Digitalisierung noch stärker als bisher für eine nachhaltige Entwicklung genutzt wird“. Die Grundlage ist das Hauptgutachten des WBGU, das die Transformation zur Nachhaltigkeit und den digitalen Wandel zusammendenkt und fragt, welche neuen Forschungsthemen sich aus dieser Verzahnung ergeben. Diese Studie ist in einer Zeit, die sich intellektuell und politisch dem Anthropozän von seiner terrestrischen Akteursseite nicht wirklich nähern will, ein Statement.

Erweiterung des Menschen

Auch der Input von Prof. Dr. Dirk Messner, der Co-Vorsitzende des WBGU (wird ab 1. Januar Präsident des Umweltbundesamtes, neue Co-Vorsitzende des WBGU wird Karen Pittel), stellte einen methodischen Abriss und den Kanon der Forschungsfragen zum Hauptgutachten dar. Er bestätigte ihre Bedeutung in der interdisziplinären und transdisziplinären Transformationsforschung zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung. Als große Herausforderung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bezeichnete er die drei durch den WBGU als „Dynamiken des digitalen Zeitalters“ bezeichneten parallel ablaufenden Prozesse: „Digitalisierung für Nachhaltigkeit“, „Nachhaltige digitale Gesellschaft“ und die „Zukunft des Menschen“. Er forderte, die „Nachhaltige digitale Gesellschaft“ solle nicht den gleichen Fehler machen, wie die Anfänge der Umweltbewegung, lediglich Schadensbegrenzung zu betreiben. Stattdessen solle sie einen neuen Humanismus entwickeln. Dabei sollen nicht die dystopischen Entwicklungen wie das chinesische Social Scoring-System im Fokus stehen. Vielmehr gelte es, die utopischen Möglichkeiten der Wissensexplosion, globalen Vernetzung und Möglichkeiten, ein Welt(umwelt)bewusstsein durch VR zu fördern. Wie soll nun aber die „Zukunft des Menschen“ aussehen? Angeboten wurde hier Human Enhancement in Analogie zum Anthopozän: Wenn wir das Erdsystem verändern können, warum nicht auch gleich den Menschen selbst?

Werbekonzerne, Verbraucher und Technikoptimisten

Die Diskussionen drehten sich um eine CO2-Bespeisung des Digitalen, Effizienz, Partizipation und Governance. Gefordert wurde, man solle lieber umwelt- und technische Abläufe durchleuchten, als das Verhalten des Menschen, wie es „Werbekonzerne“ wie Facebook und Google tun. Überhaupt würden diese Konzerne den öffentlichen Diskurs verzerren, dabei sei „Werbung nicht das Wichtigste“ in einer Gesellschaft. Auf der anderen Seite wurden – wie schon in der Nachhaltigkeitsdebatte – individuelle Verhaltensänderungen zur CO2-Einsparung durch den eigenen digitalen Konsum gefordert: Der Verbraucher solle entscheiden. Als weitere Parallele zur Nachhaltigkeitsdebatte zeigte sich die Forderung, Digitalisierungskompetenzen durch Bildungsmaßnahmen aufzubauen. Der Satz fiel: „Immer, wenn man sich nicht einigen kann, dann ist die Bildung gefordert – aber die wirkt erst in 20 Jahren.“

Prof. Dr. Uwe Schneidewind vom Wuppertal Institut machte die Dystopie von der KI auf, die in ihrer Mission nachhaltige Erde zum einen nichtnachhaltiges Verhalten ausschalte („Öko-Diktatur“) und gleichzeitig die Anzahl an Menschen reduziere. Prof. Dr. Antje Boetius vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) versteht sich dagegen selbst eher als „Technikoptimist“ und forderte, die vorhandenen Sensoren für Luft, Wasser, Boden und Waldbrände stärker für eine Umweltbewachung einzusetzen. Die Frage um Effizienz im Umgang mit Daten, aber mangelnde Betrachtung von Suffizienz-Fragen wurde später noch diskutiert. Müssen wir alles, was wir können? Kurz angeklungen ist auch das Thema Citizen Science, allerdings hier eher im Verständnis vom Bürger*innen als Human Sensors.

Ein neues Wissenschaftsverständnis

Praktisch stieß im Publikum die These von Dirk Messner „You cannot govern what you don`t understand” auf die Frage: Wie können Kompetenzen zur Digitalisierung in der Verwaltung gefördert werden? Die Antwort: Ja, der Gesetzgeber muss nicht alle technischen Abläufe verstehen, um sie zu regulieren. Ja. auch ITler haben selbst eine gewisse Verantwortung für die Ergebnisse ihrer Arbeit. Wie aber nun Verwaltungen, vor allem in ländlichen Regionen mit schlechter Internetversorgung mit der Digitalisierung umgehen sollen, wird anderswo weiter zu diskutieren sein.

Die in der Veranstaltung aufgeworfenen Fragen sind fantastisch. Sie schütteln das Wissenschaftsverständnis der Moderne durcheinander, das immer noch von disziplinären Deutungsmustern und hierarchischen Deutungsstrukturen bestimmt ist: „Wir kriegen das nur interdisziplinär, eigentlich nur transdisziplinär gebacken“. (Was ja immer noch davon ausgeht, dass die Wissenschaft die Deutungshoheit über die Welterklärung behält – ist das so?)

Dieser Fragenkatalog ist andererseits dürftig. Denn wenn digitalen Kulturmustern und Instrumenten zwar große Potenziale für nachhaltige Entwicklungen zugesprochen werden, ihre bisherigen Nutzungsweisen jedoch eher als Brandbeschleuniger nichtnachhaltiger Prozesse wirken, dann ist es unverständlich, wenn Fragen privaten Eigentums an öffentlichen Gütern (wie Datenmengen) nicht wissenschaftlich thematisiert werden. Es gibt keine Körperlose KI. Alles Digitale braucht Energie und Ressourcen. Dafür braucht es – ja, auch individuelle Verhaltensänderungen –, aber vor allem politische Regularien.

Joachim Borner & Anne Kraft

Fotos: WBGU/Monique Wüstenhagen

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1 Kommentar

  1. Manfred Ronzheimer

    Mein Bericht in der taz über die Tagung und das neue BMBF-Program ist hier zu lesen:
    https://taz.de/Digitalisierung-der-Gesellschaft/!5647307/

    Auszug:
    Viel konkrete Forschung ist also auf dem Weg. Aber ist es die richtige, und wenn ja, wie schnell kommt sie zur Anwendung? In der Konferenz wurden mitunter Zweifel laut. „Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden, aber es fehlen die Regeln, um eine faktische Verbesserung des Umweltzustandes zu erreichen“, beklagte die Meeresforscherin Antje Boetius

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