Das Phänomen der Gestaltungskompetenz – eine unfreundliche Reflexion

Ein Essay

Von Joachim Borner

Seltsam widerstandslos konnte der Begriff „Gestaltungskompetenz“ sowohl in der Bildung für nachhaltige Entwicklung als auch im lebenslangen Lernen Raum greifen. Der Begriff fällt häufig in den Bildungsdiskursen; verschiedenste Kompetenzprofile führen ihn an vorderer Stelle. Und im Denkansatz der „Transformative Literacy“ ist er auch angekommen.

Mit dem Begriff der Gestaltungskompetenz ist einmal die Fähigkeit gemeint, Alternativen in der Zukunft zu beschreiben und dann in den Prozess der „Herstellung“ einer dieser Alternativen einzutreten zu können. Hier spielt die Verantwortungsethik die Musik. Diese ist hilfreich bei der Suche nach Orientierung – in dem Sinne der Richtungs- und Sinnstiftung von Handlung und schlussendlich von eigenem Leben. Hier tritt die „Alltags-Kultur“ an den Veränderungswilligen heran und fragt ihn nach dem Sinn und den Nutzen der Veränderung.

Die andere Betrachtung, die aus der Logik lebenslangen Lernens resultiert, meint die Fähigkeit, einen eigenen Lebensplan zu entwerfen und diesen in einem reflexiven, selbstgesteuerten und iterativ-kommunikativen Prozess umzusetzen. Dieser biografische Entwurf und seine Implementierung setzt auf die Fähigkeit, sich selbst mit seinen Ressourcen, Veranlagungen und Werten sowie Interessen und Motivationen in einer sozioökonomischen, –kulturellen und –ökologischen Umwelt zu verorten.

Folgt man den Konferenzen, Seminaren und Veröffentlichungen, in denen „Gestaltungskompetenz“ eine Rolle spielt, dann geht die Argumentationslogik in der Regel so: Lernt mensch lebenslang und für eine nachhaltige Entwicklung kommt die Gestaltungskompetenz ganz von selbst – man muss sie nur thematisieren. Der gute Zweck richtet es und einige Orientierungsrahmen kommen helfend dazu und im Nu lernt man und kann man nicht nur zeitnah und fehlerfähig neueste komplexe und dynamische Probleme lösen, sondern sogar Entwicklungsalternativen für die Zukunft modellieren, werten, die evidente Alternative auswählen und gestalten. Das erzähle auch ich seit Jahren „meinen“ Studenten und Zuhörern – aus normativer Sicht und tu dabei so als wäre es fast wahr.

Irgendwann war ich jedoch überrascht: Über Gestaltungskompetenz – merkte ich – wird sowohl unter der Dachmarke BNE als auch unter der des lebenslangen Lernens – immer kontextlos geschrieben und gesprochen. (Mit Kontext ist z.B. die gewohnte Lernkultur gemeint oder die Funktion von Bildung (und ihrer Abschlüsse) als Statusbeschaffer oder die Wirkung von Denkstilen (Fleck) oder die der Aufschreibesystemen (Kittler) u.a.)

Z.B. hat Gestaltungskompetenz etwas mit Lern- und gesellschaftlichen Anerkennungskulturen zu tun, in welchen Gestalterinnen und Gestalter gesellschaftlich wertgeschätzt werden. Die normativ, aus nachhaltiger Entwicklung abgeleitete Wertschätzung meint solche Kategorien wie

  • ihre Ursprünglichkeit, also die Fähigkeit, Probleme historisch, in ihrer Verursachung und dem Prozess ihrer Entstehung zu schauen;
  • ihre Kreativität, die Einzigartigkeit, Innovation und Echtheit mit der Problemlösung bzw. der Zukunftsgestaltung verbindet;
  • die Echtheit, die eine Passung von Problem und Lösung darstellt (während die Nachahmung nur so tut);
  • ihre Eigentümlichkeit, die die Gestaltung unverwechselbar macht und uns hilft, besser unterscheiden und entscheiden zu können;
  • ihr kontroverser Habitus, der uns hilft, die Konfliktlinien zwischen den verschiedenen Interessengruppen zu sehen und zu bewerten.

Diese Kulturen – wo finden sie sich?

Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Kompetente, eigenständige, kontroverse, selbstbewusste Gestalterinnen und Gestalter irritieren meine Umwelt – sei es die der Wissenschaft, die der Bildung, die der Politik. Denn die Gestalterinnen sind eigentümlich, naiv, komisch – irgendwie schlitzohrig, auf jeden Fall verunsichernd. Sie stören die festen Muster, Routinen und Rituale in den Institutionen, stören die Stabilität und den Erfolg der Operation Entwicklung – also das kapitalistische Wachstumsparadigma (darunter geht es nicht).

Der Auftrag, der von der UN-Dekade, von den Rio-Nachfolgekonferenzen, von den Programmen des BMBF und BMU etc. ausgesprochen wurde um Gestaltungskompetenz zugunsten einer Klimakultur und nachhaltigen Entwicklung zu entwickeln, liest sich heute – in praxi – wie die Aufforderung zu einem Defekt, der Entwicklungsprozesse und erprobte Abläufe durcheinanderbringt. Wir wissen ja, die industriegesellschaftliche Steuerung der Massenproduktion braucht das Standardisieren von Methoden, Prozessen, Abläufen. Das Management optimiert diese Methoden.

Divergentes Denken sprengt dagegen diese Norm. Gestaltungskompetenz ist ein Faktor „divergenten Denkens“ bei dem es darum geht, den Möglichkeitssinn zu aktivieren – also heuristisch zu arbeiten. Dabei erkennt diese Kompetenz die Welt und ihre Dinge in zukünftigen Zusammenhängen, die auch anderen Spielregeln gehorchen können als den Gewohnten – das ist Gegenstand der G-Kompetenz.

Was aber ist erlaubt? Meinen die Curricula und Bildungskonzepte zur nachhaltigen Entwicklung „das Revolutionäre im Gestaltungsprozess“ wirklich und folgenbewusst?

Wenn wir die vielen „Kreativen“ und „Nachhaltigkeits-Lenker“ unserer Tage sehen, dann sind diese in einer „Erwiesenermaßen- Hinsicht“ zuverlässig : nämlich in ihrer Fähigkeit zu kopieren, zu reanimieren, zu wiederholen, Risiken auszuweichen. Oder sehe ich schlecht? Wir haben den Klimawandel, das Wachstums- und Wohlfahrtsproblem, die Energiewende, den demografischen Wandel, das Problem sinkender Biodiversität und verschlechterter Wasserversorgung usw. – wo sind die heuristischen Problemlösungen, die Entwürfe entsprechender Zukünfte? Wo sind die unzähligen guten Antworten, die mit dem Begriffsschwall von Innovativem, Originellem, Nachhaltigem, Kreativen in Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft nur so auf die Probleme niederregnen müssten? Wo setzt der whole-school-approach an, um den Habitus früh angepasster Schüler bei ihnen selbst in Frage zu stellen und – das gilt auch für Erwachsene – sich aus dem alten Denk- und Motivationsmilieu zu lösen?

Problematisch

Es ist nun „leider“ nur das Originelle und das Innovative, das neue Perspektiven und Sichtweisen wie auch Spielregeln und Modi eröffnet und somit Gestaltung und Entwicklung in Transformationsprozessen des Klima- und demografischen Wandels ermöglicht. Wenn man sich die Abschlussberichte der vielen Programme zur Energiewende, zur Klimakultur… ansieht – müsste das Fehlen der „transformativen Literacy“, das Fehlen der individuellen wie institutionellen Kompetenz zur Transformation und ihrer Gestaltung nicht auffallen?

Klimakulturwährung

Gestaltungskompetenz, Kreativität und Originalität ist die Währung der Klimakultur und der nachhaltigen Entwicklung. Doch wenn wir uns ansehen, wie diese Begriffe vom Management in der Wirtschaft, der Wissenschaft und von der Verwaltung definiert werden, erstaunen wir über die rapide Entwertung dieser Währung. Anders ausgedrückt: Im großen Gerede zum Klimawandel und zur Energiewende werden die Begriffe Kreativität, Innovation und Gestaltungskompetenz zwar ständig wiederholt, doch dabei ihrer Bedeutung und ihres Sinnes entleert: Kreation und Originalität bei der Suche und Beschreibung zukünftiger Alternativen und bei dem Roadmapping zur Gestaltung der Alternative werden de facto nur in den Regeln der Berechenbarkeit und Effizienz geduldet. Das Credo der Moderne ist nun mal die Perfektionierung der Berechenbarkeit von Innovationen. Wo dieses nicht möglich scheint, ist Neues draußen. Ein Entwicklungsparadigma, welches Chancengleichheit auch nächster Generationen einbezieht, welches reproduktive Grenzen der Ökosysteme und der natürlichen Quellen und Senken anerkennt und das soziokulturelle Ziel eines „guten Lebens“ anerkennt u.a. wehrt sich gegen Berechenbarkeit – via BIP oder Rendite.

Hier ist eine erste Barriere.

Die zweite Barriere versteckt sich hinter dem populären Verständnis von Vernunft, Denken, Kreativität. Seit fast zwei Jahrhunderten wird geforscht und gesucht wie diese Fähigkeiten funktionieren, ob und wie sie sich erzeugen, reproduzieren und damit – wie auch ihre Träger – steuern und kontrollieren lassen! Eine moderne Maske ist der IQ. Mit diesem soll sich die Intelligenz eindeutig messen lassen können. Doch sagt er etwas darüber aus, ob ein Mensch eigenständig – kann heißen kritisch, originell – kann heißen ausserhalb epistemischer Denkmuster und problemadäquat – kann heißen lebensweltlich und in Alternativen wahrnehmen denkt? Das Entscheidende geben die Teststreifen nicht her. (Für den EQ – die spitzfindige Maßeinheit für die sogenannte emotionale Intelligenz – gilt das Gleiche.)

Da „Kreativität“ drauf und dran ist zur neuen Intelligenz(mode) zu werden (Joachim Müller-Jung, FAZ) braucht es auch da eine Maßeinheit. Die hat man nun im CQ (creative qootient).

Aber erfährt man damit etwas über Gestalter für die Klimakultur, über Kompetenzanforderungen an Gestalter der Transformation? Können sich mit dem CQ all die identifizieren, die originell im Sinn nachhaltiger Entwicklung und der großen Transformation sind? Diese Kreativität! – oder diese Gestaltungskompetenz beschreibt die individuelle (und institutionelle) Fähigkeit, in Umbrüchen (oder Transformationen), also in unübersichtlichen und unsicheren, komplexen und dynamischen Situationen handeln, neue Probleme lösen und zukünftige Lebensräume und Lebensweisen gestalten zu können. Bin ich handlungsfähig? Bin ich motiviert und kann ich andere motivieren? Bin ich in sozialen Netzen und in Rahmenbedingungen, die an der Implementierung von klimakulturellen Spielregeln, technischen Systemen und sozialen Innovationen interessiert sind und diese zulassen?

In den BNE-Projekten der UN-Dekade ist der CQ noch nicht verhandelt worden. Man möchte aufatmen. Aber im Umgang mit dem Begriff der Gestaltungskompetenz wird oft das Wesen von CQ verwaltet, wird wie mit einer Goldwährung gehandelt. Doch anders als beim Gold wird der Blick auf die „Gestaltungshaltigkeit“ der Kompetenz nicht substanziell sondern normativ – im future 1 geschärft. Es ist nur ein Versprechen – nur eine Banknote, manchmal sogar Falschgeld.

Entsprechend ausgeprägt ist mehr und mehr das tragikomische Angebot an Seminaren, Workshops und Literatur zur Gestaltungskompetenz. Denn in diese neuen Seminare gehen nun vernunftbegabte und routinierte Menschen, Experten des Managements und der Standards und machen sich die Kreativität als Wochenendzusatzqualifikation zu eigen. Hierin gehen nun die hartnäckig zu Routiniers abgerichteten Lehrer, Waldpädagogen, Schulgartenpfleger, Schuldirektoren usw. – Routiniers, die feste Modi für ihre Lehrpraxis haben und dennoch ahnen, dass da was im Busch ist. Ist das nicht irgendwie tragikkomisch? Der whole school approach erhält ein neues normatives Segment: „Du musst kreativ handeln“.

Gar nicht komisch ist, dass die Pseudokreativität die Nachhaltigkeitsdiskussion überschwemmt. (Vieles ist irgendwie Castingshow und die Ergebnisse sind „Gadgets“.)

Der Verdacht, der in vielen Diskursen mit Kollegen aus Entwicklungsländern geäußert wird, wird in diesem Kontext nicht kleiner, nämlich, dass unter der Bezeichnung Nachhaltigkeit und weiterer aufgelöster, der Bedeutung entleerter Begriffe, die Kultur des Kapitalismus fortgeführt wird. Probleme lösen ist „out“ – sie verwalten ist besser.

Das ist der Geist geklauter Zukunft. Pseudokreative moderieren den ästhetisierten Mainstream. Sie selbst als Abziehbilder leisten keinen Widerstand. (Dabei ist Widerstandsfähigkeit Teil von Gestaltungskompetenz) Sie streiten nicht für ihre Sache – sie haben keine. Was an Gestaltungen und Kreationen daherkommt ist geborgt.

Seltsam: Man bekommt das Gefühl von Stillstand nicht mehr los bei den vielen Blaupausen, die zu Nachhaltigkeitsgestalten erklärt werden und durch die man die Originale und ihre Schöpfer nicht mehr sieht; Diebe und Kopierer verbeissen die wirklich Kreativen.

Dritte Barriere

BNE ist sehr oft der ökologisch basierte Versuch der Restauration früherer Erfolgsgeschichten. Sie erinnern an die Geschichte über Samoa nach dem 2. Weltkrieg. Dort blieben logischerweise mit dem Abzug des us-amerikanischen Militärs die Warenlieferungen per Flugzeug aus. Die Samoaner hatten sich aber an diese gewöhnt. Sie machten nun etwas für uns sehr Merkwürdiges (? Wirklich?): Sie legten Landebahnen für Flugzeuge an, setzen Holzfeuer als Leitsignal ein, in einer Holzhütte saß ein „Mitarbeiter“ mit hölzernen Kopfhörern, Radartürme aus Holz wurden gefertigt – weil sie hofften, so die Flugzeuge anzulocken, die ihnen die schönen Dinge bringen, die sie vormals selbstverständlich brachten. Sie machten alles richtig. Die Form war einwandfrei!

Aber die Innovation klappte nicht; kein einziges Flugzeug landete!

Und bei uns? Schert es uns, warum einmal die Flugzeuge kamen? Schert uns der Grund, der Zusammenhang? Was ist der Kontext, weshalb einmal Dinger Lebensmittel bringen und weshalb das andere Mal – trotz artesanaler Pflege und Gestaltung aller Details eines Flugverkehrs – Effekte ausbleiben?

In vielen BNE-Diskursen und Projekten scheint es, dass es egal ist ob es was bringt. Holzfeuer und Radartürme aus Holz gibt es die Menge – sowohl in der Perspektive „Bildung über nachhaltige Entwicklung“ (Thematische Handlungs- und Gestaltungsherausforderungen) als auch in der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (sustainabel and transformative Literacy)!

Es fehlt an Kohärenz zwischen Herausforderungen, Lerninhalten und outcome-Zielen. Dafür gibt es aber paradoxe Interventionen und wie bei der Kohleenergiepolitik, zynischen Atavismus. Überfordert steht der Einzelne mit seinen Gestalten da: Vor dem letzten IPCC-Bericht, als die Handlungsmarke noch bei +2 Grad Celcius lag, erklärte der wesentliche Argumentationsstrang, dass die 2 Grad die Grenze darstellt, hinter der sozioökologische und soziokulturelle Zustände erwartbar wären, die wir noch nicht kennen, die wir uns aber nie wünschen würden. Nun aber ist nach dem IPCC-Bericht – und es ist „nach +2 Grad“ (in der Chronologie der climate natives). Was nun? Wie sieht die Leitplanke nun aus, mit der die Transformation der gesellschaftlichen Metabolismen gelenkt werden soll? Wohin? Und welche Kompetenzkonfigurationen und „Selbstorganisationsdispositionen“ sind nun gefragt? Bei den Antworten ist überall Holzradar.

Der Holzscheit

Immer wenn es in der menschlichen Entwicklung brenzlig wurde, die Welt zu dynamisch und zu komplex erschien (Krise) wurde das Materielle gesucht, auf Notprogramm gestellt. Während man Wissen erst einmal begreifen und durch Abstraktions- und Kommunikationsarbeit in die Welt holen muss, verlangt die Zustimmung zum Materiellen nicht viel – außer der Sehnsucht nach einer Zeit, in der die Technik noch nicht alles so kompliziert gemacht hat. Man kann es auch so sagen: der homo faber (oder der Hobbit?) formt seine Welt zu Gegenständen um. Darin findet er sich besser, nein unangestrengter zurecht. Geoengineering ist die moderne Erscheinung dieser Gegenstände – gegenüber eines Begriffs wie Klimakultur – z.B..

Abstraktion sorgt für Unbehagen, der Gegenstand dagegen beruhigt. Es wird zu einem geflügelten Wort: Kopfarbeiter gehen immer mehr in den Garten – „da spürt man sich wieder“, kann man sehen, was man geschafft hat. Die Botschaft in dem Sprichwort ist schlicht falsch: Leben ist im Garten (einer Großstadt? selbst im urban gardening? Selbst im urban agriculture), ist im Handwerklichen. – Natürlich ist der Garten nicht falsch und das Handwerk eben so wenig. Was aber falsch ist ist das Versprechen, dass v.a. im individuellen Gärtnern und Handwerken nachhaltige Entwicklung steckt, mit dem sich 10 Milliarden Menschen ernähren.

Nun – das wird nachhaltige Bildung genannt. Angeboten wird leider nur der folkloristische Ersatz eines Verlustes!

Problematischer ist dagegen die implizite Botschaft Kopfarbeit zu degradieren; was der Kopf nicht richten kann sollen Muskeln erledigen und Symbole initiieren. Aber nein: die alte Welt der Dinge kehrt nicht zurück! Wir müssen schon Kulturtechniken der vorausschauenden Wahrnehmung und der Aushandlung von Transformationsschritten entwickeln, die uns zukunftsfähig werden lassen. Denn unser biologisches Instrumentarium zur Erkennung von Gefahren (also das Riechen, Schmecken, Sehen von Gefahren) ist außer Kraft gesetzt für Gefährdungen wie CO2, UV Belastung (in Europa ist z.B. das Gefährdungsmaß 8; jetzt im Juni 2014 ist für Bereiche der Anden ein Wert von 40 fixiert worden.)

Wie – ohne kulturtechnische Risikosysteme – wollen wir das Packen? Und der Markt, die Börse, die NSA – können diese und wollen diese etwas zur Zukunft sagen? Ziemlich blöd ist diese Situation, die nichts zu einer transformativen Weltgesellschaft zu sagen in der Lage ist.

Es kommt noch ein schwerer Verdacht hinzu: Ist es vielleicht wirklich so wie Baudrillard vermutete, dass die Krisenstrategie, der Ausnahmezustand, der Schock heute für die Macht und ihre Eliten die einzig möglichen Instrumente sind, mit denen sie die Individuen frontal angehen können, um sie im System der sozialen Kontrolle zu halten und gleichzeitig für die Krise verantwortlich zu machen? So bekäme der Klimawandel eine neue, „nachhaltige“ Funktion! „Das Bewusstsein, dass es mit unserer Zivilisation bald einmal zu Ende sein könnte – wirklich verdrängen können dieses Bewusstsein nur Schwangere und Politiker. Allen anderen hört man es an,…das schleichende Bewusstsein aber, dass alles bald zu Ende sein könnte, wirkt sich aus: Zukunft über die eigene Person hinaus ist für die meisten kaum noch eine verbindliche Kategorie.“ Max Frisch, Entwürfe zu einem dritten Tagebuch, Suhrcamp Verlag Berlin 2010, S. 15

Kreativität und selbstwirksame Gestaltungskompetenz, die sich in der Gesellschaft festsetzen und ausbreiten, könnten dieser zynischen Funktion zusetzen. Vielleicht ist nach der Dekade auch vor der Dekade. Denn es gibt sie, die gestaltungskompetenten Aktivisten und Wissenschaftler. Denn das „Nichts“„Nada“ „nothingness“ kann man nicht klauen. Die Kupferstecher brauchen die Originären, frechen Querdenker, die bitterbösen Zweifler, die Infragesteller mit ihren Kreationen und Gestalten, mit Ihrer Kompetenz zur Selbstwirksamkeit, zu Selbstbewusstsein, zu Resilienz und Selbststeuerung – in kooperativen sozialen Gefügen. Ästhetik des Widerstandes, Ästhetik der Kontroverse, Ästhetik der Veränderung sind Kategorien der Gestaltungskompetenz.


Joachim Borner (KMGNE)

Dr. Joachim Borner ist wissenschaftlicher Direktor des KMGNE und Leiter des CCCLab (Climate Culture Communications Lab). Über dieses werden Internationale Sommeruniversitäten in Deutschland, Chile, Brasilien durchgeführt, die sich der Suche nach Ästhetiken, Narrationen sowie Medienformaten widmen, die der “großen Transformation”, der Klimakultur u.a. gerecht werden. Er studierte Ökonomie und Ökologie, baute an der Humboldtuniversität ein postgraduales Studium Umweltwissenschaften und Nachhaltigkeit auf, war Mitglied der Enquetekommission “Schutz des Menschen und der Umwelt” des Deutschen Bundestages, Professor für Nachhaltigkeitsmanagement und -kommunikation an der Universität Bolivariana (Chile), Gastprofessor bzw. Lehrbeauftragter an der TU-Berlin, an den Universitäten Wuppertal, de Lima, ARCIS und UAHC (Chile).

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1 Kommentar

  1. Kalle Contra

    Gestaltung ist also „nur“ ein ästhetischer Prozess? Und die Gestaltung von Transformationsprozessen dann eine Veränderung von Ästhetik(en)? Doch wer sind die Gestalter und über welche Mittel und Möglichkeiten verfügen sie?

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